Dreikönigsmarsch

Gespeichert von eloroke am Do., 16.03.2023 - 21:11

Die Sternsinger ziehen heute zum letzten Mal in dieser Saison mit ihren heiligen Stimmen und samtenen Klingelbeuteln durch die Straßen der Stadt. Für einen kleinen Betrag kann man die Ministranten der Dorfgemeinde für das Glück seiner Familie singen und beten lassen und mit Gott einen Handel über den heimischen Haussegen abschließen. Glücklicherweise erspart mir die Abgeschiedenheit meiner Dienstwohnung auf dem Kasernengelände den Besuch der hohen Gesandtschaft aus dem Morgenland. Denn selbst Könige werden nicht ohne gültigen Truppenausweis auf das Kasernengelände gelassen. Genau so möchte ich es haben: niemanden sehen, mit niemandem reden und auch niemanden singen hören. Stattdessen genieße ich die Einsamkeit der letzten heiligen Nacht bei einer Kanne heißem Tee und denke über den nun zurückliegenden Marsch durch die Alpen nach.

Die drei Tage und zwei Nächte unserer gemeinsamen Gebirgstour vergingen wie im Flug. Es ist wohl so, wie Eliot es ausgedrückt hat: In den Bergen, wo man im endlosen Weiß der Gletscherfelder zu einem unbedeutenden Punkt auf der Landkarte wird, stehen die absolute Zeit und das eigene Zeitempfinden in einem derart widersprüchlichen Verhältnis, dass man jeden Augenblick auskosten kann, ohne daran zu altern. Die Größenverhältnisse der Berge gemessen in Raum und Zeit waren seiner Meinung nach nicht für Menschen geschaffen, sondern für etwas Größeres, Ewiges. Er glaubte jedenfalls, dass die Unsterblichkeit der Berge die weicheste Stelle seiner Seele berührt hatte, den Ort, an dem die Zeit entstand, oder kurz seine Sterblichkeit.

Als er merkte, dass ihn nicht verstand, zeigte er auf seine Brust und fragte mich, ob ich mich denn nicht sterblich fühle. Darauf wusste ich jedoch keine Antwort. Unsterblich fühlte ich mich jedenfalls nicht. Eliot nickte nachdenklich, als ob ich ihm einen wichtigen Hinweis gegeben hätte. Obwohl ich seinen Gedanken nicht ganz folgen konnte, glaubte ich, das Gefühl, das ihn bewegte, zu kennen, und nickte schließlich auch, bevor wir uns die Hand zum Abschied reichten.

Keiner von uns sagte etwas. Ich gab mir zwar Mühe, aber mir fiel nichts Gutes ein. Als Anna mitbekam, dass sich Eliot endgültig verabschiedete, kam sie herbeigeeilt und nestelte kurz an einer ihrer Materialschlaufen: »Hier, die schenke ich Dir. Sie hat Dir gestern das Leben gerettet und ist jetzt Dein persönlicher Glücksbringer. Ich hoffe, sie bringt Dich heil nach Hause, aber auch bald mal wieder zurück in die Berge.«

»Bestimmt«, sagte Eliot und fädelte den Klemmkeil, den Anna ihm in die Hand gedrückt hatte, in einen Ring an seinem Schlüsselbund. Der Keil hatte die Größe Fünf – jedenfalls nach der Normierung, die wir am Standort verwendeten – und gehörte zur neusten Generation seiner Art, mit stabilen Stahlschlaufen und farbigem Metallkopf. Ein teures Souvenir. Ich schaute Anna schräg an, doch sie ignorierte mich: »Bestimmt, bestimmt?«, fragte sie an Eliot gewandt.

»Bestimmt, bestimmt«, versprach er und ließ sich in den Arm nehmen. Ich trat einen Schritt zurück, als plötzlich eine ganze Lawine an Abschiedsumarmungen losbrach. Gunnar klopfte Eliot anerkennend auf die Schultern und struwwelte ihm durch die Haare, Falk nahm ihn freundschaftlich in seinen berüchtigten Schwitzkasten und sogar André ließ sich zu einer kurzen, aber für seine Verhältnisse herzlichen Umarmung hinreißen.

Ich stand wie immer unbeteiligt am Rand. Selbst als sich Eliot noch ein letztes Mal nach mir umdrehte, sagte ich nichts, sondern beobachtete nur, wie er in seinen Wagen stieg und langsam über den knirschenden Schnee, der sich auf dem Parkplatz gesammelt hatte, von dannen rollte.

Nur zwei Tage zuvor hatten wir uns auf diesem Parkplatz ebenso verhalten begrüßt, wie wir uns später verabschieden sollten. Meinen Pilgerbart hatte ich inzwischen wieder abgenommen, aber meine Haare etwas länger stehen lassen, damit, wenn ich meine Mütze abnahm, meine großen Ohren nicht ganz so dramatisch hervorstachen. Die Liebe macht mich eitel.

Bis auf Ferdinand Strefler waren alle noch vor der verabredeten Zeit am Treffpunkt erschienen und so herrschte bis zu dessen leicht verspätetem Erscheinen eine ungeduldige Aufbruchstimmung. Da mich Falk und André dauerhaft in Beschlag nahmen, um die Route zu besprechen und über das Wetter und die Schneelage zu spekulieren, hatte ich kaum Gelegenheit, mich mit Eliot zu unterhalten, ließ jedoch keine Gelegenheit ungenutzt, mich nach ihm umzudrehen.

Er hatte vorsichtshalber gleich vier neue Winterjacken gekauft, aber die Preisschilder dran gelassen, um diejenigen, die durch unsere Qualitätskontrolle fielen, wieder in den Laden zurücktragen zu können. Gunnar übernahm die Musterung. Er beriet Eliot gut und kaufte ihm anschließend noch eine besonders hässliche Jacke in grellen Neonfarben ab. Nachdem er sich in seinem neuen Winterparka ein paar Mal vor der spiegelnden Glasscheibe seines Wagens gedreht hatte, inspizierte er das Reisegepäck der Gäste, um sicherzustellen, dass es einerseits niemandem an etwas fehlte und dass andererseits niemand unnötigen Ballast mit sich herumtrug, da auch noch der Reiseproviant, die Gaskartuschen, die Kochgeräte und nicht zuletzt die Sicherungsmittel auf die Schultern der einzelnen Marschteilnehmer verteilt werden mussten. Doch Elli kam recht glimpflich durch die Gepäckkontrolle. Gunnar beschlagnahmte lediglich einen Satz Wechselwäsche. Die fast ein Kilo schwere Fotoausrüstung ließ er ihm.

»In den Bergen riechen alle gleich, da braucht man keine Wäsche wechseln. Und zum Schlafen werden nur die Skier abgeschnallt und die Überhose aufgeknöpft – wenn überhaupt«, erklärte Gunnar in seinem Grundausbilderton und begann mit der Verteilung der Gemeinschaftsgüter auf die einzelnen Rucksäcke.

Als Strefler kurz nach sieben endlich auftauchte, machte Falk einen zwölften und letzten Haken auf seine Teilnehmerliste, ging nochmals alle Namen durch und hielt das zerknitterte Stück Papier schließlich Eliot vor die Nase, um sicherzustellen, dass er dessen Namen richtig geschrieben hatte. Nach einem schmunzelnden Blick auf die Liste nickte Elli. Falk schüttelte seinen kältestarren Kugelschreiber und fragte Eliot, ob er auch einen Nachnamen habe. »Luv«, antwortete Eliot und fügte auf Falks fragenden Blick hinzu: »Luv wie Lee.«

»Diese Liste ist wichtig«, erklärte Falk mit todernster Miene, während er Eliots Nachnamen notierte. »Falls wir nicht zurückkommen, hilft sie dem Alpenverein bei der Suche nach den Vermissten und der Polizei bei der Identifizierung der Leichen.« Elli machte ein unglückliches Gesicht und das Unglück wurde sogar noch größer, als Gunnar plötzlich am anderen Ende des Parkplatzes zwischen ein paar Bäumen auftauchte und mit einer Rolle Klopapier winkte. »Muss sonst noch jemand scheißen?«, krakeelte er über den gesamten Platz und zupfte dabei an seinem Hosenschritt. Ich gab mir Mühe, ein Schmunzeln zu unterdrücken, als ich mich zu Eliot hinüberlehnte und ihm zuflüsterte, dass es ratsam war, zu den Ersten zu gehören. Diese Lektion habe ich im Waisenhaus gelernt, doch sie hat sich auch bei der Bundeswehr und in den Bergen immer wieder als nützlich erwiesen.

Als alle Teilnehmer – auch Eliot – ein letztes Mal ausgetreten waren und in Gurt und Seilzeug zum Aufbruch bereitstanden, nahm ich Falk zur Seite und erklärte ihm, während ich ihn an seinem Brustgurt hinter mir herzog, dass wir einen anderen Weg als der Rest der Truppe nehmen würden.

Falk stolperte die ersten paar Schritte verdattert hinter mir her. Nachdem er sich jedoch wieder gefangen hatte, dachte er nach, welchen Weg ich meinen konnte. »Die Freimauer?«, fragte er schließlich und wurde von einem auf den nächsten Augenblick still. Er schien zu ahnen, dass ich etwas Ernstes mit ihm zu bereden hatte.

Ich antwortete nicht. Falk wusste, wie er mein Schweigen zu deuten hatte. Ich drehte mich jedoch noch einmal nach den anderen um und gab Eliot und Anna mit einem kurzen Zeichen zu verstehen, dass er auf sie hören und sie auf ihn aufpassen sollte. Eliot nickte, während Anna offenbar dagegen protestieren wollte, dass ich Falk wie einen Delinquenten abführte. Als sie jedoch Falk in die Augen blickte, wurde sie plötzlich ganz kleinlaut. Sie nickte mir zu und tippte Eliot auf die Schulter, damit er ihr folgte.

Auch Gunnar wollte etwas einwenden. Ihm passte es vermutlich nicht, dass unser Alleingang die geplante Gruppeneinteilung durcheinanderbrachte. Doch André hielt ihn zurück und teilte in einem freundlichen, aber lauten Befehlston die Gruppen neu ein. Ich hörte noch, wie er die Marschroute bekanntgab und vier Seilschaften aus jeweils zwei oder drei Unerfahrenen und einem Bergführer bildete. Auch Strefler stellte er den Neulingen als Bergführer vor. Ich schaute mich noch ein letztes Mal nach Eliot um, der gerade die Gurte seines Rucksacks festzog. Anna stand neben ihm und gab mir ein Zeichen, dass ich mir keine Sorgen mache müsse. Sie würde auf ihn aufpassen. Mit einem trotzigen Kopfnicken deutete sie mir jedoch zugleich an, dass ich im Gegenzug auf Falk aufzupassen hatte. Ich nickte und schritt zügig voran. Falk stolperte durch das plötzliche Tempo überrascht erneut hinter mir her.

Um zur Freimauer zu gelangen, mussten wir zwar einen kleinen Umweg in Kauf nehmen, doch die dadurch verlorene Zeit war schnell wieder wettgemacht, da wir einen Großteil der Höhenmeter bis zur ersten Hütte senkrecht zurücklegen würden, anstatt in endlosen Serpentinen den Berg hinaufzukriechen. Die Freimauer hieß nicht schon immer so. Falk und ich haben ihr den Namen gegeben, nachdem Sebastian dort letzten Frühling vier krakelige Buchstaben in den Kalk geritzt hatte: FREI.

Sebastian hatte damals angeblich auf eigenen Wunsch seinen Dienst quittiert, um stattdessen Sportwissenschaft und Geographie zu studieren. Allerdings wollte niemand am Standort dieser Geschichte so recht Glauben schenken. Nicht weil wir Zweifel bezüglich seiner Studienwahl hegten, sondern weil er vor dem plötzlichen Ende seiner Karriere als Bergsteiger mehrere Male ins Präsidium der Murnauer Feldjäger bestellt worden war, um dort von Beamten des Militärischen Abschirmdienstes ins Verhör genommen zu werden. Er hat uns jedoch nie gesagt, was in den Verhörräumen der Murnauer Kettenhunde genau vor sich gegangen war. Selbst Falk ist es nicht gelungen, ihm auch nur ein einziges Wort darüber zu entlocken, und Falk kann in solchen Dingen sehr beharrlich sein.

Alle, die Sebastian kannten, bedauerten seinen Weggang, weswegen wir zu seinem Ausscheiden eine letzte gemeinsame Bergtour mit ihm unternahmen. Wir waren eine Seilschaft von insgesamt dreizehn Leuten, deren Marschgepäck hauptsächlich aus Verpflegung bestand, denn Ziel der Unternehmung war nicht der Gipfel, sondern eine kleine Abschiedsfeier. Zu diesem Zweck schleppten wir neben dem bloßen Vesper, um den Hunger zu stillen, einen ganzen Kuchen, gekühlte Getränke und sogar eine riesige Melone den Berg hinauf. Falk hatte diese besondere Verabschiedung für Sebastian in die Wege geleitet und auch mich dazu eingeladen.

Ich kletterte damals zusammen mit Sebastian und Falk in einer Dreierseilschaft und hatte fünfeinhalb Pfund frisches Brot in meinem Rucksack. Falk hatte an seinem Pfund Butter zwar wesentlich leichter zu tragen als ich, war dafür aber während des gesamten Aufstiegs darüber in Sorge, dass die Butter in seinem Rucksack verlaufen könnte. Er hatte die Butterdose zum Schutz vor den Sonnenstrahlen mit Alufolie umwickelt und einen Beutel mit Eis dazu gepackt, doch immer wenn es seiner Meinung nach zu langsam voranging, rief er: »Schneller, schneller, die Butter!«

Sebastian war uns beiden etwa zwanzig Meter voraus und schon fast bis zum Gipfel durchgestiegen, als er plötzlich keine weiteren Seilmeter einholte. Vergeblich warteten wir auf sein Signal zum Seilgeben oder Nachsteigen. Da uns die verwinkelte Wand die Sicht nach oben versperrte und wir von unserer Position aus nicht sehen konnten, was weiter oben vor sich ging, wurde Falk schließlich ungeduldig. »Schneller, schneller, die Butter«, rief er und zog, als er wiederholt keine Antwort erhielt, vorsichtig am Sicherungsseil, das zu unserem Entsetzen jedoch nicht den geringsten Widerstand leistete, sondern mit einem hellen Surren durch die Karabinerösen der über unseren Köpfen angebrachten Zwischensicherungen schnurrte.

Ungebremst rauschten zwanzig Meter Seil an uns vorbei in die Tiefe. Zurück blieben nur das unverbrauchte Restseil zu Falks Füßen, ein nutzloser Bremsknoten in seinem Sicherungskarabiner und die kurze Nabelschnur, die ihn mit mir verband. Als Falk plötzlich mit einem toten Seilende in der Hand dastand, nestelte ich einer bösen Ahnung folgend zwei Klemmkeile von meinen Materialschlaufen. Obwohl ich mir unklar war, was da gerade vor sich ging, hielt ich es für das Beste, meine Position zu einem soliden Sicherungstand auszubauen und Falk bei Sebastian nach dem Rechten schauen zu lassen.

»Sebastian?«, rief Falk besorgt nach oben und lehnte sich so weit, wie es seine Sicherung zuließ, nach hinten, während ich die beiden Klemmkeile rechts und links von mir in einen schmalen Felsriss setzte.

»Sebastian?« Die Art, wie Falk Sebastians Namen rief, klang dieses Mal wie eine Drohung, so als ob Sebastian eine ordentliche Tracht Prügel erwarten würde, wenn er nicht sofort antwortete. Ich war froh, dass Falk die Lage erst nahm. Wenn die Situation es erfordert, kann sich der manchmal pflichtvergessene Kasernenclown von einem Moment auf den nächsten in einen verantwortungsbewussten, autoritären Gruppenführer verwandeln.

Ich dröselte gerade eine lange Bandschlinge auf, als plötzlich Sebastians Silhouette mit weit ausgebreiteten Armen an der höchsten Bergkante erschien. Er hatte die letzten Meter bis zum Gipfel offenbar ohne Sicherung zurückgelegt und lebte nun seinen Adrenalinrausch aus, indem er die Schwerkraft zu einem Duell herausforderte.

Nachdem ich die inzwischen aufgedröselte Bandschlinge in die Drahtkabel der beiden Klemmkeile eingehängt hatte, gab ich Falk per Handzeichen zu verstehen, dass er sich ins Seilende einbinden sollte, um Sebastian hinterherzusteigen. Aufgrund der verbrauchten Seillänge ging ich davon aus, dass Sebastian während des ersten Drittels der Strecke noch Sicherungen gelegt hatte, was Falks Aufstieg ungemein erleichtern würde. Ich konnte ihn von meinem Stand aus sichern und die nachfolgenden Seilschaften beruhigen, die bereits aufgeregt nachfragten, was bei uns los war. Falk nickte entschlossen. Doch bevor wir den Plan in die Tat umsetzen konnten, entschied sich Sebastian in seinem Taumel aus flüchtiger Euphorie und tiefsitzendem Schmerz dazu, sich sämtlichen Kräften des Universums entgegenzustellen. Oder sich ihnen zu ergeben. Ich war mir nicht ganz sicher, ob er den Tod oder das Leben suchte, als er sich mit einem kräftigen Sprung von der Bergkante stieß und seine Schwermut der Leichtigkeit des freien Falls übergab.

Dass Falk und ich die folgenden Sekunden wie Ewigkeiten erlebten, war wohl der stressbedingten Klarheit unserer Sinne zu danken. Obwohl uns weder Zeit zum Nachdenken oder Diskutieren blieb, handelten wir unverzüglich und so einvernehmlich, als wären wir eine Person. Gleichzeitig schnappten zwei Karabiner auf und zu. Mit dem einen Karabiner löste sich Falk aus seiner Standplatzverankerung, die ohnehin nicht für eine starke Zugbelastung nach unten ausgelegt war. Mit dem anderen Karabiner befestigte ich die einen Augenblick zuvor in die Wand gefädelte Bandschlinge an der Anseilschlaufe meines Hüftgurts. Falks Gesicht verformte sich zu einer schrecklichen Grimasse und die Konturen seiner Beine vibrierten, als er seine Muskeln anspannte. Doch erst, als aus seinem Mund ein lauter Schrei wie eine Welle auf mich zugerast kam, bemerkte ich, dass sich die Augen hinter meinen Augen geöffnet hatten. Im selben Augenblick sah ich auch die gleißende Bugwelle, mit der Sebastian die Zeit vor sich herschob. Instinktiv riss ich meine Arme nach oben. Vielleicht, um die Zeit aufzuhalten. Ich weiß es nicht. Denn mein Handeln war reiner Reflex und ohne jegliche Intention. In dem Moment, in dem die durch meine Bewegung verursachten Vektoren und Sebastians Fallwelle aufeinanderprallten, hörte ich ein schrilles Geräusch. Das Geräusch kam jedoch nicht von den über meinem Kopf aufeinandertreffenden Kräften, sondern von Falks Karabinergeschirr, das wie die Türglocke eines Souvenirladens klapperte, als er sich dem fallenden Freund mit einem verzweifelten Sprung entgegenwarf. Da er noch immer in der Seilmitte eingebunden war, verließ er sich blind darauf, dass meine in letzter Sekunde gelegte Sicherung uns alle drei aushalten würde.

Das Seil heulte unter der enormen Wucht des Sturzes auf, als mich das hundertfünfzig Kilo schwere Paket aus Fleisch, Knochen und Eisen aus meinem Stand riss. Der Mauerhaken meiner ersten Sicherung gab einen stöhnenden Laut von sich, als er aus der Wand brach, und auch ich stöhnte auf, als ich mit einem so heftigen Ruck gegen die Bergwand geworfen wurde, dass mir die Luft ausblieb. Unmittelbar darauf wurde mir so schlecht, dass ich meinte, mich übergeben zu müssen. Zugleich wurde ich von einer bleiernen Müdigkeit erfasst. Es gelang mir jedoch, die Augen hinter meinen Augen zu schließen und meine letzten Kräfte zu mobilisieren, um nicht ohnmächtig zu werden. Vektoren zu verwenden, raubt mir nach wie vor sämtliche Kraft.

Es dauerte einen kurzen Moment, bis ich mich wieder gefasst hatte und verstand, was gerade passiert war. Falk hatte Sebastians drahtigen Körper tatsächlich zu fassen bekommen und ihn im Flug mit der Schlinge, mit der er zuvor noch am Berg gesichert gewesen war, in sein eigenes Geschirr eingebunden. Drei, vier Meter unter mir waren die beiden mit einem vom Rasseln der Karabiner begleiteten dumpfen Schlag gegen die Felswand geschmettert. Die Klemmkeile hatten zwar geruckt und geächzt, aber sie hatten der Wucht Stand gehalten.

Als wir schließlich wie ein Henkel Trauben an der Wand baumelten, sah ich, wie sich Falk immer wieder bekreuzigte. Er ließ dabei jedoch eine Salve an unchristlichen Flüchen vom Stapel. Seine Stimme war nur ein kurzatmiges Schluchzen. Ich überließ ihn seinem Disput mit Teufel und Gott und konzentrierte mich aufs Atmen. Da wir durch Sebastians Gewicht vollkommen manövrierunfähig waren, konnten wir ohnehin nicht viel mehr tun als beten und fluchen und auf Hilfe warten. Es dauerte allerdings nicht lang, bis die nachfolgende Seilschaft zu uns aufschloss und Sebastians bewusstlosen Körper bei sich einband. Auf dem Weg zurück ins Tal wurde nur das Nötigste gesprochen.

Ich hatte beim diesjährigen Dreikönigsmarsch die Route über die Freimauer nicht gewählt, um Falk an die damaligen Ereignisse zu erinnern, sondern um ihn unter vier Augen auf Pragens Vorwürfe ansprechen zu können und dennoch zügig ans Ziel zu gelangen. Zunächst nahm jedoch nicht ich ihn, sondern er mich ins Gebet: »Wieso ist dieser Eliot Luv – Luv wie Lee – eigentlich dabei?«, fragte er, als wir außer Sicht- und Hörweite waren. Anstatt zu antworten, fragte ich, was ihn an Eliots Anwesenheit störte.

»Er ist ein Lakai des Ministeriums!« Falk war hörbar entrüstet. Ich zuckte jedoch nur mit den Schultern. Meiner Meinung nach, war Eliot nicht mehr Lakai, als wir es waren. Auf Falks skeptisches Stirnrunzeln fügte ich hinzu, dass ich mit Eliot befreundet war. Doch Falks Skepsis ließ sich damit nicht beruhigen: »Solche Leute hat man nicht zum Freund«, erklärte er: »Sie sind die Definition von Feind.«

Ich schaute Falk an, ohne etwas zu erwidern. Er wusste selbst, dass er übertrieb.

»Hast Du Sebastian vergessen?«, schnaubte er daraufhin, doch auf diese trotzige Frage antwortete ich erneut mit Schweigen. Auch Falk schwieg einen kurzen Moment, bevor er in einem weniger angriffslustigen Tonfall fortfuhr: »Ich weiß bis heute nicht, mit was die Agenten Sebastian damals so sehr unter Druck gesetzt haben, dass er daraufhin seinen Dienst quittierte, aber ich habe eine Theorie, warum ihm das Ministerium damals die Hunde auf den Hals gehetzt hat. Willst Du sie hören?« Ich hätte gerne darauf verzichtet, aber da ein Nein denselben Effekt erzielt hätte wie ein Ja, verzichtete ich stattdessen auf eine Antwort.

»Köln und Bonn waren auf seine Leistungen aufmerksam geworden und wollten ihn für eine geheime Eliteeinheit rekrutieren«, erklärte Falk. Er klang sehr überzeugt: »Um zu solch einer Einheit zugelassen zu werden, wird man jedoch nicht nur medizinisch auf Herz und Nieren geprüft. Die Ministeriallakaien nehmen das gesamte Leben unter die Lupe. Sie schauen sich die Grundschulzeugnisse an, befragen Nachbarn und durchwühlen den Hausmüll. Verdammt!« Falk blieb abrupt stehen und schüttelte den Kopf. Ich fand jedoch, wir hatten genug über Sebastian geredet. Ohne anzuhalten, drehte ich mich nach Falk um und sagte: »…

… die Hütte ungefähr zwei Stunden vor den anderen. Wir konnten die Hütte jedoch nicht betreten, da der Strefler den Schlüssel hatte und alle Türen und Fenster zum Schutz vor Vandalismus und Naturgewalten fest verriegelt waren. Dennoch nutzten wir unseren Zeitvorsprung, indem wir die Terrasse und den Zugang zum Winterraum von Schnee befreiten, uns auf die Suche nach einer nahen Wasserquelle machten und neben dem Haus eine Latrine aushoben. Nachdem alle Arbeit getan war, setzten wir uns auf das Dach der Hütte, wo wir uns über ein kleines Vesper aus Müsliriegeln und gefrorenen Bananen hermachten und die letzten Sonnenstrahlen genossen.

Als wir unsere Kameraden endlich das vereiste Kar hochmarschieren sahen, war die Sonne bereits hinter einem Berggrat verschwunden und das Weiß der Schneelandschaft zu einem matten Grau geworden. Mit einer kleinen Gaslampe leuchteten wir den anderen den Weg zur Hütte und beobachteten schweigend, wie der Tross langsam auf uns zu gekrochen kam. Als Erstes erkannte ich Gunnar an seiner neuen neonfarbenen Jacke, die selbst im Dunkeln leuchtete. Dann Anna. Sie führte den Zug mit einem flotten Tempo an, musste jedoch immer wieder auf das hintere Feld warten. André bildete die Nachhut und achtete wie ein Hirtenhund darauf, dass keiner verloren ging.

Es dauerte eine Weile, bis ich auf die Entfernung Eliot ausmachen konnte. Er fiel durch seine Ruhe auf. Er rannte nicht voraus, strauchelte nicht und blieb niemals stehen, sondern marschierte in einem stets gleichbleibenden Tempo, sodass er weder zusammen mit Anna auf die Nachzügler warten, noch sich von André antreiben lassen musste. Sein gleichmäßiger Gang hatte jedoch etwas Verbissenes, Trotziges. Ich setzte mich ganz vorne an die Dachkante, ließ die Beine baumeln und zählte seine Schritte. Mit jedem Schritt verringerte sich der Abstand zwischen uns, bis der Zug schließlich die Hütte erreichte und sich alle entkräftet und erledigt auf die Terrasse fallen ließen.

Ich setzte mich zu Elli. Ich bot ihm einen Schluck von dem frischen Quellwasser an, das ich die ganze Zeit über unter meiner dicken Winterjacke ein wenig angewärmt hatte, und fragte ihn, wie ihm die Tour gefallen habe.

»Nach spätestens der Hälfte war es nur noch eine elende Plackerei«, stöhnte er und schnallte seinen Rucksack ab: »Schnee, Schnee, Schnee. Sieben oder acht Stunden lang nichts als Schnee. Schnee in den Schuhen, in den Ärmeln und im Jackenkragen. Und immer diese Widersprüchlichkeiten. Beim Gehen habe ich geschwitzt, beim Rasten gefroren. In meinen Schuhen sammelte sich geschmolzener Schnee, in meinem Unterhemd Schweiß.« Ich prüfte seine Ausrüstung. Die Gamaschen, die ich ihm mitgebracht hatte, schienen zu passen, aber vielleicht hatten die Nähte seiner Stiefel irgendwo ein Leck. Auf meinen prüfenden Blick erklärte Eliot: »Gunnar hat sich einen Spaß daraus gemacht, uns Neulinge in eine Falle locken, wo wir bis hierhin im Schnee versanken.« Er zeigte mit der Kante seiner flachen Hand auf seine Nasenspitze.

Ich schüttelte den Kopf: »Ich hoffe, der beschwerliche Weg hat Dir nicht die Freude auf das Ziel der Reise verdorben.«

»Das Ziel?«, fragte Eliot überrascht. »Ich dachte, der Weg ist das Ziel.« Er vergrub sein Gesicht in seinen dicken Winterhandschuhen und seufzte.

»Nein, der Weg ist nicht das Ziel. Das Ziel ist das Ziel. Der Weg ist nur der Weg. Deswegen heißt er auch so«, widersprach ich und zupfte Eliot am Jackenärmel: »Hörst Du das?«

»Nein, ich höre nichts«, erwiderte er, ohne aufzublicken.

»Genau das ist es«, sagte ich: »Wir sind hier oben frei von dem Lärm, der uns unten im Tal bereits so sehr zur Gewohnheit geworden ist, dass wir ihn als selbstverständlich ansehen. Alles, was wir hier oben hören, ist rein und unverfälscht. Selbst unsere eigene Stimme klingt hier oben fremd, weil sie wie mit einem scharfen Messer aus dem Geräuschteppich geschnitten wurde, der uns sonst tagein tagaus umgibt. Hier oben gibt es kein Autobahnlärm, kein Radiorauschen, kein Sirenengeheul, kein Kühlschranksummen, keine Kirchturmglocken, kein Telefonklingeln. Bis auf den gelegentlichen Schrei eines Adlers oder das Poltern eines von einer Gämse losgetretenen Steins sind wir hier oben ungestört und für uns. Und weißt Du auch, warum? Weil die meisten nach der ersten Hälfte umkehren.«

Elli schaute auf und blickte sich um, dann schloss er seine Augen und lauschte auf die Geräusche um ihn herum. Die Natur gab jedoch keinen Mucks von sich. Das Einzige, was man hörte, war das Knirschen des Schnees unter den Füßen der Leute, die gerade vom Abtritt zurückkamen, und leise Unterhaltungen, denn unbewusst passten sich die Menschen der Stille an und senkten ihre Stimme, wenn es keine Geräusche gab, gegen die sie anschreien mussten.

Als Eliot seine Augen wieder öffnete, zeigte ich auf einen nahen Gipfel: »Morgen früh zeige ich Dir etwas, was normalerweise nur Gämsen und Adler zu sehen bekommen. Und wir, weil wir den ganzen Weg gegangen sind.«

Elli wollte etwas erwidern, doch in diesem Moment wurde die Stille von einer lauten Verwünschung unterbrochen und kurz darauf löste sich eine kleine Schneedrift von der Dachkante und schneite auf uns hernieder, als Gunnar wütend gegen das Geländer der Veranda schlug. Ich wandte mich um und wollte wissen, was los war.

»Nichts!«, beschwichtigte mich Falk und wedelte abwehrend mit beiden Händen.

»Von wegen nichts, Strefler hat die Schlüssel zur Hütte nicht«, sagte Gunnar genervt und setzte seinen Rucksack unsanft auf der Veranda ab: »Zehn Minusgrade und wir stehen vor verschlossener Tür.«

Strefler schwor bei allem, was ihm heilig war, dass er den Schlüssel wie verabredet beim Alpenverein abgeholt hatte, während er hektisch in seinem Rucksack kramte. Als er jedoch, selbst nachdem er den Inhalt sämtlicher Taschen ausgeräumt hatte, nicht fündig geworden war, kam er zu dem Schluss, dass der Schlüssel unterwegs verloren gegangen sein musste. Strefler war zutiefst bestürzt. Die anderen jedoch nicht minder. Nur Falk hatte seine gute Laune behalten: »Ist ja nicht weiter schlimm«, sagte er in einem sorgenfreien Ton und warf einen aufmunternden Blick in die Runde: »Ihr wolltet doch bestimmt schon immer mal ein Iglu bauen, nicht wahr? Die Iglus unserer Einheit sind weltberühmt und schnell gebaut.«

Doch noch nicht einmal Anna wollte sich von Falks Enthusiasmus anstecken lassen: »Dafür sind wir nicht ausgerüstet. Die Leute sind erschöpft und hungrig und es ist bereits dunkel.«

»Wenn alle mithelfen, können wir in weniger als drei Stunden drei gemütliche Iglus hochziehen. Was meinst Du, Mysch?«, mischte sich nun André in die Diskussion mit ein. Ich erkannte an seinem Tonfall, dass ihm die Situation nicht gefiel, er aber um eine diplomatische Lösung bemüht war. Alle Augen waren auf mich gerichtet, doch es war Gunnar, der auf Andrés Vermittlungsversuch antwortete: »Ich werde jedenfalls keinen einzigen Spatenstich tun«, erklärte er rigoros: »Iglubauen war niemals Teil des Konzepts. Wir sind hier im Urlaub, nicht im Manöver. Und überhaupt hat die Hälfte von uns noch nie ein Iglu gebaut.«

»Das hat man schnell gelernt«, sagte André und er hatte recht. Das wusste auch Gunnar.

»Was meinst Du, Mysch?«, wandte sich André erneut an mich. Falk warf mir einen flehenden Blick zu. Er wollte, dass ich die Sache beendete, ohne Strefler in die Pfanne zu hauen. Strefler selbst saß inmitten der Sachen, die er aus seinem Rucksack geräumt hatte und machte ein unglückliches Gesicht. Mir selbst hätte der freie Himmel genügt, aber da ich das Eliot nicht zumuten wollte, nickte ich schließlich.

Falk fiel ein Stein vom Herzen und André klatschte aufmunternd in die Hände: »Na dann, marsch, marsch: Alle Mann Ausschwärmen und die Umgebung nach einer guten Hanglage und Bauschnee für drei große Iglus absuchen. Und Du«, er klopfte Gunnar versöhnlich auf die Schultern, »hilfst auch mit.«

In all dem Getümmel achtete niemand auf Eliot. Selbst ich bemerkte ihn erst, als die mit einem schweren Vorhängeschloss gesicherte Eisenkette, die den Zugang zur Hütte versperrte, mit einem lauten Scheppern zu Boden fiel: »Es ist offen«, sagte Eliot und leuchtete mit seiner Taschenlampe ins Innere des Hauses, bevor er zögerlich eintrat. Gunnar setzte ihm als Erster hinterher. Erleichtert folgte auch der Rest der Truppe. Falk half Strefler, seinen Rucksack wieder einzuräumen.

In der Hütte ließ Gunnar es sich nicht nehmen, Eliot um den Hals zu fallen, ihm die Mütze vom Kopf zu ziehen und durchs Haar zu wuscheln. »Wie hast Du das gemacht? Bist Du ein Zauberer?«, fragte er. Eliot wand sich jedoch zunächst aus der ungewollten Umarmung frei und setzte seine Mütze wieder auf, bevor er uns zwei winzige Schraubendreher zeigte, die eigentlich zu seiner Kameraausrüstung gehörten, aber offenbar auch als Universalschlüssel dienlich sein konnten. Gunnar machte ein überraschtes Gesicht und zeigte mit dem Finger auf sich selbst: »Wie klug von mir, dass ich nicht Deine gesamte Fotoausrüstung durch Konservendosen ersetzt habe. Ohne mich säßen wir jetzt draußen im Freien. Da sag mal einer, ich wäre nicht genial!« Er zog Eliot erneut die Mütze vom Kopf, um ihm durch die Haare zu wuscheln: »Stimmt’s oder habe ich recht?«, fragte er und lachte laut. In zweierlei Hinsicht ist auf Gunnar Verlass: Wenn er sich ärgert, dann richtig, und wenn er sich freut, dann ebenfalls mit jeder Faser seines Körpers. Aber auch auf Strefler ist einer gewissen Hinsicht Verlass: Er macht jeden Plan zum Experiment und jede Routine zum Abenteuer. An jenem Abend machte er uns zu Einbrechern in einer Berghütte.

Nachdem der Tag gerettet und Gunnars Laune wieder in Bestform war, läutete er mit einem begeisterten Händeklatschen den geselligen Teil des Hüttenabends ein: »Macht Licht, macht Feuer, macht Schnee zu Wasser und lasst uns essen, trinken, singen und furzen!«

Eliots Begeisterung hielt sich indessen in Grenzen. Er setzte seine Mütze wieder auf und blies eine weiße Nebelwolke in den Lichtkegel seiner Taschenlampe: »Hier drin ist es genauso eisig wie draußen«, stellte er fest und hatte damit natürlich recht. In dem dünnwandigen Verschlag aus Holz und Wellblech herrschten – wie sollte es anders sein – dieselben Temperaturen wie draußen, aber er bot uns Schutz vor Wind, Schnee und Eis. Ich versprach ihm, dass es bald ein paar Grad wärmer werden würde. Neben der Körperwärme von zwölf Personen würden noch vier Gaslampen und vier Gaskocher den Raum aufheizen. Ich fügte an, dass die Hütte, in der wir die nächste Nacht verbringen wollten, solider gebaut war und sogar über einen Ofen verfügte.

»Ach ja, richtig«, erinnerte sich Eliot: »Ich hatte es fast verdrängt: Das soll jetzt ja die nächsten zwei Tage so weitergehen.« Ich fasste Eliots Gemecker als Zeichen seines Vertrauens und seiner Verbundenheit auf. Obwohl ich fand, dass er ein wenig übertrieb, gefiel mir, dass er mich in seinen Unmut einweihte. Selbst meine über alles erhabene Freundschaft zu Tomo war von Austeilen und Einstecken geprägt gewesen. Meckern und Schmollen war an der Tagesordnung, aber nur so war es echt.

Als Eliot aus seinen nassen Bergstiefeln stieg, kam das grobe Rautenmuster seiner wollenen Kniestrümpfe zum Vorschein. Die Füßlinge hatten sich mit Wasser vollgesogen und waren an den Fersen schon ganz filzig gelaufen. Mit Andrés Einverständnis gab ich ein Paar von den Socken, die er mir zu Weihnachten geschenkt hatte, an Elli weiter. Eliot bedankte sich und steckte auf mein Anraten hin seine Füße für den Rest des Abends in seinen Schlafsack.

Nachdem Gunnar die Gaskocher aufgebaut hatte, versammelten sich alle um die winzigen Flammen und halfen beim Schneeschmelzen und Zubereiten der Speisen. Auch Eliot suchte die wärmende Nähe eines Gaskochers auf und übernahm das Brotschneiden. Als es aber schließlich ans Essen fassen ging, hielt er sich zurück. Er aß weder von der warmen Suppe noch von den reichlich vorhandenen Butterbrezeln, Müsliriegeln und Äpfeln. Stattdessen trank er unentwegt aus seiner Wasserflasche und steckte sich ein Bonbon nach dem anderen in den Mund.

Bis André seine Enthaltsamkeit bemerkte. Wenn er nichts esse, hielt dieser ihm vor, werde er in der Nacht frieren. Niemand hätte jedoch Lust, sich von Eliots Zähneklappern den Nachtschlaf rauben zu lassen und am nächsten Morgen einen übernächtigten Kameraden im Schlepp zu führen. »In den Bergen trifft man keine Entscheidung für sich allein. Also iss gefälligst!« André beendete seine Moralpredigt in einem Ton, der keine Widerrede duldete. Gunnar lachte und warf Eliot einen Schokoriegel zu. Außerdem merkte er an, dass Elli nicht so viel trinken solle, weil ein nächtlicher Toilettengang bei Minusgraden und Schneetreiben ebenfalls mehr unangenehm als erleichternd sei. »Und das gilt für alle«, rief er in die Runde.

Eliot verschraubte daraufhin tatsächlich seine Trinkflasche und probierte den Schokoriegel. Nachdem er erst einmal Geschmack daran gefunden hatte, aß er sogar noch einen zweiten, dritten und vierten. Gunnar spielte unterdessen den Alleinunterhalter und gab seine Lieblingsanekdoten zum Besten. Die meisten davon hatte ich bereits mehrfach gehört und jedes Mal eine leicht veränderte Variante davon. Er schmückte seine halbwahren Erzählungen mit gekünsteltem Bayerisch und teilweise glamourösen Showeinlagen. Es wurde viel gelacht und nach und nach stimmten alle in seinen Klamauk mit ein, bis sie alle lauthals johlten: »Es lebe der Teufel und die Bergsteigerei!« Normalerweise ist das mein Stichwort, das Weite zu suchen, zumal wenn das Weite wie ein Geschenk vor der Tür liegt. Aber Eliots Ruhe machte das lärmende Drumherum für mich erträglich. Ich blieb.

Ich beobachtete schweigend, wie das Gelächter, Geplapper und Geschrei gegen Eliots scheinbar unerschütterlichen Ruhe brandeten. Seine Ruhe war jedoch eine andere als meine. Obwohl er sich nicht aktiv an dem allgemeinen Klamauk beteiligte, gehört er dazu. Ab und zu lachte er sogar über die derben Witze oder bekundete mit einem mitfühlenden Blick seine Anteilnahme an den oftmals doch mehr peinlichen als heldenhaften Abenteuergeschichten, bis Gunnar unvermittelt entschied, dass nun Eliot an der Reihe war, etwas Lustiges zur allgemeinen Heiterkeit beizutragen. Zu meiner Überraschung zögerte Eliot keinen Moment, sondern gab nach einem kurzen Räuspern mit viel Esprit seinen Lieblingswitz zum Besten, bei dem ein Gaul seinen Henkel nicht aß.

Ich gelte ohnehin als ziemlich schwerfällig, wenn es darum geht, die Pointe eines Witzes zu verstehen, doch dieses Mal stutzten auch die anderen, bevor nach einer fast erdrückend langen Stille plötzlich alle losprusteten. Ich war zwar noch immer am Grübeln, aber Eliot schien, seine Aufnahmeprüfung bestanden zu haben, denn Gunnar legte kameradschaftlich den Arm um ihn und setzte ihm seinen Flachmann an die Lippen. Eliot lehnte jedoch dankend ab und befreite sich aus der aufdringlichen Umarmung. Er habe seine eigenen Dämonen, sagte er und zog sich für den Rest des Abends wieder in seine schweigsame Teilnahme zurück.

Es dauerte jedoch nicht lange, bis die Ersten müde wurden und sich das Gelage langsam auflöste. Als schließlich alle erschöpft in ihre Kojen krochen, sicherte ich Eliot und mir einen Platz mit möglichst viel Abstand zu Gunnars berüchtigten Blähungen. Eliot war so müde, dass er sich umgehend in seinen Schlafsack legte. Aus Furcht vor einer kalten Nacht ließ er seine Jacke und seine Schneehose an. Ich legte mich noch nicht hin, sondern ging jedoch noch einmal nach unten, wo ich meine mit heißem Tee gefüllte Trinkflasche nahm und daraus mithilfe von einem Stück Isoliermatte und einer dünnen Reepschnur eine Wärmflasche baute. Gerade als ich den letzten Knoten festzurrte, drehten Gunnar und André die Gaslampen ab. Anstatt meine Taschenlampe anzuschalten, schaute ich mich mit den Augen hinter meinen Augen um und schlich zu Eliots Bett. Während hier und da noch ein letztes ›Gute Nacht‹ in die Dunkelheit geraunt wurde, öffnete ich vorsichtig den Reißverschluss von seinem Schlafsack und gab ihm die selbstgebastelte Wärmflasche. Er nahm das Geschenk dankbar an und versprach, den Tee bis zum nächsten Morgen warm zu halten.

»Und Du?«, fragte er leise.

»Ich bin Kälte gewohnt«, erwiderte ich, bevor ich meinen Schlafsack so fest zuschnürte, dass nur noch meine Nasenspitze herausragte. Durch das dicke Polster meines Schlafsacks hörte ich, wie Eliot ein letztes Danke und Gute Nacht wisperte, bevor er sich auf die Seite rollte und innerhalb von wenigen Sekunden einschlief. Ich selbst fand jedoch keine Ruhe. Ich wälzte mich ein paar Minuten schlaflos auf meinem Strohlager hin und her, bis ich es schließlich aufgab und …

… Etwa eine Stunde vor Sonnenaufgang weckte ich Eliot. Ich legte den Finger auf die Lippen und deutete ihm an, mir auf Zehenspitzen zu folgen. Nachdem wir uns leise aus der Hütte gestohlen hatten, wuschen wir uns eilig Gesicht und Mund und gingen schweigend ein paar Meter nebeneinander her durch die noch immer schlafende Bergwelt. Es war still um uns herum. Wir hörten nur unsere Schritte auf dem frischen Schnee, der über Nacht gefallen war. Der weiße Teppich unter unseren Füßen wurde jedoch immer dünner, bis wir schließlich an eine nahezu schneefreie Bergschulter kamen.

»Was hast Du eigentlich vor?«, fragte mich Eliot ein wenig verschlafen, und obwohl wir die Hütte längst außer Hörweite gelassen hatten, flüsterte er.

»Ich habe Dir doch gestern einen Preis versprochen«, erinnerte ich ihn, während ich das Ende eines Sicherungsseils durch seinen Gurt fädelte, und riet ihm, seine Lampe anzuschalten, damit er sah, wohin er griff und trat.

»Und Du?«, fragte er mich, während er nach der Stirnlampe an seinem Helm tastete.

»Ich kenne den Weg«, erwiderte ich und ging voraus. Der Schein von Eliots Lampe folgte mir wie ein rastloses Irrlicht. Lautlos glitt es über die rauen Felswände, spiegelte sich an den glatten Eisflächen und brachte die Schneeablagerungen zwischen den Felsen zum Glitzern, während es langsam um uns herum zu dämmern begann.

Kurz bevor sich die Sonne als rotglühender Feuerball über die Zinnen der im Osten gelegenen Höhenzüge schob, erreichten wir eine kleine Aussichtsplattform, wo wir uns niederließen, um bei einem Schluck Tee und einer Handvoll Keksen auf den Tag zu warten. Als das Licht des neuen Tages schließlich die langen Bergschatten verscheuchte, huldigte Eliot der Schönheit der Natur, indem er versuchte, das Kräftemessen zwischen Licht und Schatten mit seiner Kamera einzufangen. Angst schien er keine zu kennen. Auf der Jagd nach dem perfekten Moment kletterte er so gedankenlos am Berggrat entlang, als wäre er lebensmüde, unsterblich oder nicht ganz bei Trost. Ich war froh, dass ich ihn an mir festgeseilt hatte, und setzte vorsichtshalber noch einen Mauerhaken in die Wand, bevor ich es mir wieder auf dem Wandsims gemütlich machte und Eliot bei seinem Versuch, die Vergänglichkeit des Morgens festzuhalten, beobachtete.

Um den Frieden der Welt nicht zu stören, behielten wir unsere Gedanken für uns, doch das ständige Klicken des Auslösers seiner Kamera verriet mir seine stille Begeisterung. Als wir bei unserer Rückkehr zur Hütte auf Falk und die anderen trafen, wurde es zwar wieder laut und hektisch in der Welt, aber in mir blieb es den ganzen Tag über so still wie am Morgen …

… Auf dem Gipfel war schließlich jeder nur noch sich selbst. Die meisten versprühten ihre Körperenergie in die große weite Welt, indem sie ihre Jacken aufknöpften, aus ihren dicken Winterpullis schlüpften und die Ärmel ihrer langen Unterhemden hochkrempelten. Manche zogen sich in sich selbst zurück – wie Anna, die auf dem Rücken lag und Löcher in den Himmel starrte. Andere suchten Gesellschaft – wie Falk und Gunnar, die angeblich platteln übten, aber eigentlich nur über den unebenen Fels stolperten und sich immer wieder aneinander festhielten, um nicht herunterzufallen. André kümmerte sich um seine Ausrüstung, Strefler hatte ein buntes Kartenspiel ausgepackt, ich kochte Tee. Und Elli, Elli saß mittendrin und machte ein zufriedenes Gesicht.

Als die beiden Schuhplattler genug hatten, begann Falk, Anna zu nerven, und Gunnar setzte sich im Schneidersitz auf den Boden und las die Einträge im Gipfelbuch. Ich war gerade dabei die erste Fuhre Tee in die mir gierig entgegen gestreckten Feldflaschen zu verteilen, als Gunnar den Eintrag von einem Bergsteiger vorlas, der die Frage stellte, was Liebe sei. Der Eintrag war bereits ein halbes Jahr alt und endete mit der Hoffnung, dass jemand die Antwort auf die Frage wusste und bis zum nächsten Jahr einen Kommentar hinterließ. Es hatte sich jedoch noch niemand dazu geäußert.

»Nun, meine verehrten Damen und Herren«, sagte Gunnar und schaute in die Runde: »Was antworten wir ihm? André? Falk? Anna?«

Nach einer langen Schweigepause antwortete André als Erster. Für ihn war Liebe Verantwortung, egal ob gegenüber den Eltern, dem Kind oder dem Partner.

»Moment, Moment, nicht so schnellt«, sagte Gunnar, während er Andrés Antwort ins Gipfelbuch schrieb. Danach diktierte ihm Anna ihre Liste: »Gratishormone, Eifersucht, Fensterln und ein ewiger Schwur.«

Falks Liste war kürzer: »Anna.«

»Anna«, wiederholte Gunnar gedehnt, während er ihren Namen ins Gipfelbuch schrieb. Nun beteiligten sich auch die anderen an der Diskussion und brachten ihre Ideen vor. Es war alles dabei: von wörterbuchtauglichen Formulierungen über biochemische und esoterische Erklärungen bis hin zu schmerzhaften persönlichen Erfahrungen. Gunnar schrieb alles auf und setzte zuletzt noch seine eigene Antwort darunter. Eliot enthielt sich und mir traute wohl niemand eine Meinung zu diesem Thema zu. Gefragt wurde ich jedenfalls nicht.

Bevor Gunnar das Gipfelbuch wieder in den Klappkasten am Fuße des Gipfelkreuzes zurücklegte, bestand er darauf, dass ein Mitglied unserer Gruppe einen Eintrag verfassen sollte, der von der gesamten Mannschaft unterschrieben wurde. Er wollte diese seiner Meinung nach ehrenvolle Aufgabe unbedingt einem Novizen überlassen und seine Wahl fiel aus welchem Grund auch immer auf Eliot. Dieser lehnte zunächst dankend ab, da er nicht wusste, was er schreiben sollte, ließ ich dann aber auf Annas Quengeln hin doch dazu breitschlagen.

Er saß lange mit dem Buch im Schoß da, bevor er schließlich etwas auf das weiße Papier kritzelte und seine Unterschrift darunter setzte. Das Gipfelbuch wurde herumgereicht, damit jeder unterschreiben konnte, und jeder war von Eliots Spruch begeistert. Ich war als Letzter an der Reihe. Obwohl Eliot nur zwei Worte niedergeschrieben hatte, dachte ich lange darüber nach, bevor ich mein Autogramm unter die anderen setzte und das Gipfelbuch an seinem angestammten Platz verstaute.

Auf Falks Bitte hin, ein Erinnerungsfoto von der Gruppe zu schießen, pflanzte Eliot seine Kamera auf ein aus Rucksäcken gebautes Stativ, drückte vorsichtig den Selbstauslöser und hechtete zum Rest der Truppe, um, kurz bevor sich das Auge der Kamera mit einem leisen Klicken öffnete, die für ihn reservierte Lücke zu schließen. Ich stand ganz links im Bild – oder ganz rechts, je nachdem, wie man es nimmt. Falk ließ es sich jedenfalls nicht nehmen, seinen rechten Arm um meine Schulter zu legen. Gunnar balancierte mit einem Fuß auf dem Podest des Gipfelkreuzes und hielt sich an den dünnen Abspannseilen fest, während André mit vor der Brust verschränkten Armen an dem Längsbalken des drei Meter hohen Kreuzes lehnte. Der Rest der Truppe nahm in zwei Reihen vor uns anderen Aufstellung. Ganz zuvorderst saß Anna im Schneidersitz auf einem kleinen Felstritt, auf dem sich schließlich auch Eliot mit angezogenen Beinen niederkauerte.

Nachdem wir alle freundlich in die Kamera geblinzelt hatten, packte Eliot seine Ausrüstung zusammen und zog sich an den Rand des Geschehens zurück. Als wäre es sein Element, kletterte er über eine zerklüftete Bergflanke in die Tiefe, ließ sich auf einem etwa drei Meter unterhalb des Gipfels gelegenen Felssims nieder und starrte schweigsam in die Ferne. Ich folgte ihm, setzte mich schweigend neben ihn und bot ihm einen Schluck aus meiner mit Tee gefüllten Feldflasche an. Er bedankte sich und nahm einen Schluck: »Eigentlich mag ich keinen Tee«, sagte er und nahm noch einen Schluck: »Aber heute ist das Leben schön.«

Ich lachte.

»Du hast nicht auf die Frage aus dem Gipfelbuch geantwortet«, stellte er fest, als mir meine Feldflasche zurückgab. Obwohl ich lange über das Thema nachgedacht hatte, befürchtete ich plötzlich, nun da ich mit Eliot alleine war, zu sehr wie ein Idiot zu klingen. Deswegen zuckte ich mit den Schultern und behauptete, dass ich es nie probiert hätte, das mit der Liebe, was im Prinzip ja auch stimmte. Das mit Oheim ist schon so lange her und Gunnar war nur ein Versehen oder bestenfalls ein neugieriges Experiment. Geliebt habe ich keinen der beiden, also zählte es auch nicht.

»Ich habe es probiert«, begann Eliot unvermittelt zu erzählen: »Am frühen Nachmittag des 1. April letzten Jahres habe ich es probiert. Das Datum ist leicht zu merken, denn die ganze Sache hat etwas von einem Aprilscherz. Ein sehr langer Aprilscherz allerdings, und anstrengend. Er hielt mich die nächsten Wochen auf Trab, bis ich am 15. Mai in der Notaufnahme eines Krankenhauses der im Umbau befindlichen Leipziger Universität erwachte. Die Polizei glaubte mir damals kein Wort und die Ärzte nannten meine Version der Wahrheit Gedächtnisverlust – kongrade psychogene Amnesie hieß es in meinem Krankenblatt – und verordneten mir psychologische Betreuung.«

Es rührte mich zwar, dass er mir sein Herz ausschütten wollte, aber ich konnte seinem Gedankenwirrwarr nicht ganz folgen und wollte es eigentlich auch nicht. Das Thema behagte mir nicht. Ich runzelte die Stirn und blinzelte in die Sonne.

Als Eliot meine Stirnrunzeln sah, entschuldigte er sich und startete einen zweiten Versuch: »Der 1. April war der Tag der feierlichen Inbetriebnahme des Leipziger Bundeswehr­krankenhauses. Der Dienstantritt des neuen Chefarztes wurde als gewaltiger Staatsakt zelebriert. Man schwang salbungsvolle Reden auf den hochdekorierten Oberstarzt und seinen frisch ausgehobenen Mitarbeiterstab. In den Ehrenlogen saß der deutsche Altadel sowie ein prunkvoller Aufmarsch der Bonner Wehrprominenz und hoher Besuch aus dem Zentrallazarett in Koblenz. Das Musikkorps spielte in Vollbesetzung auf und zum Abschluss gab es einen Ball. Aber das interessierte mich alles nicht, denn vom ersten Moment an hatte ich nur noch Augen für sie.« Eliot seufzte und blickte eine Weile stumm vor sich hin. Die Geschichte gefiel mir immer weniger. Dennoch oder gerade deswegen brannte sich jedes Wort in mein Gedächtnis. Nervös nestelte ich an meinem Materialgurt.

»Pragen«, erzählte Eliot weiter, ohne sich von dem Klappern meiner Karabiner aus der Ruhe bringen zu lassen, »hatte mich für sechs Wochen als Teil einer unter Kölner Oberbefehl agierenden Kommission zur personellen und materiellen Absicherung nach Leipzig überstellt, wo ich zusammen mit meinen Kollegen vom Kölner Abschirmdienst angeblich die Übernahme des noch bis Dezember des vorangegangenen Jahres von ehemaligen Angehörigen der Volksarmee geführten Lazaretts überwachen sollte.«

Das Wörtchen ›angeblich‹ gefiel mir ebenfalls nicht. Ich sagte jedoch nichts, sondern ließ nur den Verschluss eines Karabiners laut zuschnappen.

»Die Sicherheitsüberwachung war nur ein Vorwand, aber mein eigentlicher Auftrag war so geheim, dass ich ihn selbst nicht kannte«, erklärte Eliot entschuldigend. »Pragen hatte mich lediglich darum gebeten, Augen und Ohren offenzuhalten und täglich Bericht zu erstatten. Als Teil der Kommission erhielt ich umfassende Befugnisse zur Einsicht in Bestandslisten, Patientenakten, Mitarbeiterkarteien und Liegenschaftskataster. Was aber noch viel wichtiger war: Ich wurde Teil des Stabs und bekam mit, was zwischen Tür und Angel besprochen wurde. Ich ging mit den leitenden Unteroffizieren essen, wurde von den Fachärzten ins Kasino eingeladen und wurde von allen freundlich und zuvorkommend behandelt.«

Ich fragte mich, ob er nicht Freundlichkeit mit Angst verwechselte. Denn normalerweise haben die Leute einfach nur Angst, wenn sich jemand vom Geheimdienst an einen ihrer Schreibtische setzt und einen Ordner nach dem anderen aus dem Regal nimmt, um diesen dann langsam und Seite für Seite durchzugehen.

»Bei einem Abendessen im Kasino wurde ich dann auch persönlich mit ihr bekannt«, fuhr er fort: »Ihr Name – ach, ihr Name tut nichts zur Sache – nennen wir sie Lu, so wie ich sie auch immer genannt habe. Sie leitete die Krankenhausapotheke.«

Ich hatte inzwischen jeden Karabiner ein Mal von meinem Materialgurt abgenommen, ihn um dreihundertsechzig Grad gedreht und ihn anschließend wieder festgemacht. Als Nächstes verdrillte ich meine Bandschlingen neu, während Eliot von Lu erzählte und dabei maßlos übertrieb. Selbst der olivgrüne Dienstanzug habe an ihr wie ein Festkleid gewirkt. Liebe auf den ersten Blick und so weiter. Ich zwirbelte immer hektischer an meinen Nylonbändern. Als Eliot meine wachsende Ungeduld bemerkte, kam er schließlich auf den Punkt: »Leider konnte mich Lu von Anfang an nicht ausstehen und gab sich noch nicht einmal Mühe, das zu verbergen. Sie ließ mich warten und machte mich im Beisein anderer lächerlich. Doch obwohl sie mir eine Abfuhr nach der anderen erteilte, suchte ich ihre Nähe, kaufte ihr Blumen und legte ihr sogar heimlich ein Paar Brillantohrringe auf den Schreibtisch.«

Ich schaute Eliot an. Plötzlich tat er mir leid.

»Ja«, seufzte er: »Das war alles ziemlich peinlich. Geholfen hat es jedenfalls nicht und auch die Perlenkette und die Bernsteinbrosche machten es nicht besser. Lu ignorierte mich, aber bei mir war es mehr als Liebe. Es war Gier. Es war Wahnsinn. In meiner Not nutzte ich meine Befugnisse, um mehr über sie herauszufinden, und fuhr sogar nach Köln und Koblenz, um die Archive der Personenzentraldatei und das medizinische Register des Zentrallazaretts nach ihr auf den Kopf zu stellen. Das war der Anfang vom Ende.«

Ich spielte mit einer Bandschnur und überlegte, wie ich dem Gespräch eine andere Richtung geben konnte, doch Eliot war schneller: »Während ich mich durch Lus Leben wühlte«, fuhr er fort, »stieß ich auf verschiedene Ungereimtheiten, die zuvor niemandem aufgefallen zu sein schienen. In der digitalen Kartei des Koblenzer Zentrallazaretts fand ich einen auf den Anfang der sechziger Jahre datierten Patienteneintrag mit ihrem Namen. Dies war mehr als ungewöhnlich, denn zu jener Zeit war Lu kein Mitglied der Bundeswehr gewesen und das Krankenhaus nicht für zivile Patienten geöffnet. Ich machte mich umgehend auf die Suche nach der dazugehörigen Patientenakte, was kein leichtes Unterfangen war. Denn das Krankenhaus in Koblenz hatte alle Berichtsmappen, die älter als zwanzig Jahre waren, bereits eingekellert, und war bei dieser Aktion nach dem Prinzip der Unterbringung von möglichst viel Papier auf möglichst wenig Raum vorgegangen. Die Berichte waren in Kisten verpackt, die wiederum zu Türmen gestapelt und in nahtlosen Reihen aufgestellt waren. Wir sprechen hierbei von fast hunderttausend Akten stationärer Patienten und über einer Million Durchgangsberichte. Dennoch wurde ich, nachdem ich mich zwei Tage lang mit Mundschutz und Taschenlampe durch die Papierberge gekämpft hatte, fündig.«

Nachdem die Geschichte etwas an Spannung gewann, verlor sich meine Ungeduld und ich begann, interessiert zuzuhören.

»Lus Mappe enthielt zwar eine Unmenge an Untersuchungsprotokollen, Testergebnissen und Medikamentierungsplänen, bot aber nicht den leisesten Hinweis auf einen Krankheitsbefund. Deswegen anonymisierte ich die Daten und ließ über einen von Pragens Schattenkanälen ein medizinisches Gutachten erstellen. Während ich auf Antwort wartete, stocherte ich weiter in Lus Leben. Ihre ständigen Krankenhausbesuche endeten jedoch abrupt, als sie plötzlich, ohne die geringste Spur zu hinterlassen, für ein halbes Jahr von der Bildfläche verschwand. Für den fraglichen Zeitraum gab es weder einen Eintrag im Melderegister noch einen Steuernachweis. Laut der Kölner Daten war sie in ihr Elternhaus zurückgekehrt, um sich um ihre pflegebedürftige Mutter zu kümmern. Wie ich allerdings aus anderweitigen Recherchen sicher wusste, galt Lus Mutter zu jenem Zeitpunkt aufgrund einer psychischen Störung zwar tatsächlich als pflegebedürftig, war aber bereits seit vielen Jahren in einem Berliner Sanatorium untergebracht. Mit ihrem Vater stand Lu laut Akte seit jeher auf Kriegsfuß. Sein cholerischer Despotismus und seine Neigung zur Gewalttätigkeit hatten die Familie gespalten: die Mutter um den Verstand gebracht und die einzige Tochter noch vor Beendigung ihrer Schulausbildung aus dem Haus getrieben. Lu hatte also weder ihre Mutter gepflegt, die in dem Sanatorium bestens versorgt war, noch war sie zu ihrem gewalttätigen Vater zurückgekehrt. Sie hatte die Pflegebedürftigkeit ihrer Mutter und die Potsdamer Adresse ihres Vaters nur als Deckmantel genutzt, um für ein halbes Jahr unterzutauchen. Den Ermittlern, die Lus Sicherheitsüberprüfung durchgeführt hatten, war diese kleine Abweichung offenbar entgangen. Aber ich war zu emotional in die Sache verwickelt um dieses Detail zu übersehen. Ich fing sogar an, mir Sorgen zu machen und noch tiefer zu graben.«

»He!«, rief an dieser Stelle der Geschichte eine Stimme vom Gipfel zu uns herab. Es war Gunnar, der einen Topf mit heißer Suppe an einem Seil zu uns herabließ. In dem dicken Graupenbrei steckten zwei Löffel. Der salzige Duft machte mich hungrig. Ich probierte gleich und bedankte mich bei Gunnar.

»Hat André gekocht, ich bin nur der Pizzajunge«, antwortete Gunnar und holte, nachdem ich den Knoten gelöst hatte, das Seil wieder ein.

»Lecker, Pizza«, seufzte Eliot, während er in dem graubraunen Eintopf herumstocherte.

Nach einem lauten ›Achtung!‹ warf uns Gunnar noch etwas Brot nach unten und ließ uns wieder allein auf unserem Felssims zurück. Eliot überwand seine Enttäuschung über die für einen verwöhnten Münchner karg ausfallende Mittagsmahlzeit recht schnell und langte so kräftig zu, dass ich mich beeilen musste, um nicht leer auszugehen. Zu hungrig zum Sprechen schaufelten wir schweigsam den Graupenbrei in uns hinein und wischten anschließend die Schüssel mit dem Brot blitzblank.

»Lecker, Graupenbrei«, seufzte Eliot schließlich und bot mir noch ein paar Bonbons als Nachtisch an, bevor er mit seiner Erzählung fortfuhr: »Kurz nachdem mir diese Widersprüchlichkeiten in Lus Lebenslauf aufgefallen waren, erreichte mich der Bericht, den ich auf Basis ihrer Koblenzer Krankenakte angefordert hatte. Das ärztliche Gutachten aus dem Schattenkanal mutmaßte, dass die Patientin zu jener Zeit schwanger gewesen war. Die Untersuchungen und die Medikamentierung deuteten sogar auf eine Risikoschwangerschaft hin. Da die Patientin jedoch sehr jung gewesen sei, war es seltsam, dass Komplikationen befürchtet worden waren. Laut Gutachten konnte es dafür viele verschiedene Gründe geben: ein Strahlungsvorfall, Kontakt mit giftigen Chemikalien, ein schwerer Krankheitsverlauf in der zurückliegenden Krankheitsgeschichte der Patientin oder Erbgutbelastungen im Umfeld der Familie. Es stand jedoch nichts dergleichen in ihrer Akte.

»In meinem blinden Eifer entschloss ich mich schließlich, Lu selbst zu fragen. Doch die Konfrontation mit der Vergangenheit wühlte sie so sehr auf, dass sie hysterisch wurde. Sie schrie und schlug wie von Sinnen um sich. Erst als ich ihre Verzweiflung sah, wurde mir bewusst, dass es hier nicht nur um ein paar widersprüchliche Akteneinträge ging, sondern um ein zerbrechliches Menschenleben. Was auch immer damals vor beinahe dreißig Jahren vorgefallen war, sie hatte damit zu kämpfen gehabt. Und nachdem sie sich endlich davon erholt und ein neues Leben begonnen hatte, brachte ich mit meinen neugierigen Nachforschungen alles wieder durcheinander.

»Ich unternahm alles, um meinen Fehler wieder gut zu machen, und bot ihr meine Schulter zum Weinen und Festhalten an. Sie wollte zwar partout nicht auf die Ereignisse von damals angesprochen werden, doch entwickelte sich aus unserem katastrophalen Zusammenstoß tatsächlich eine Art Romanze. Plötzlich trug sie die Ohrringe, die ich ihr geschenkt hatte, zwinkerte mir während der Stabssitzungen zu, hakte sich auf dem Weg zur Kantine bei mir unter, überraschte mich nach Dienstschluss mit einem Picknickkorb und fuhr mit mir ins Grüne. Immer wieder verwandelte sie sich jedoch in die Lu zurück, als die ich sie kennengelernt hatte. Dann tat sie so, als ob wir uns nicht kennen würden, verkniff sich jedes Danke oder Bitte, warf mir die Sachen, die ich ihr geschenkt hatte, vor die Füße oder wünschte mich zum Teufel. Sie verhätschelte oder quälte mich. Je nachdem, wonach ihr gerade war. Obwohl sie sich darauf verstand, mich mit Worten, Blicken und Berührungen so glücklich zu machen, wie ich es mir in meinen Träumen nicht schöner hätte ausmalen können, hinterließ unser Zusammensein jedes Mal einen bitteren Beigeschmack. Sie liebte mich nicht. Das ließ sie mich deutlich spüren. Doch da ich immer noch ein schlechtes Gewissen hatte und sie trotz ihrer gelegentlichen Grausamkeiten liebte, verzieh ich ihr alles. Ich lud sie in die Oper ein, führte sie in feine Restaurants und bezahlte teure Hotelzimmer. Unsere Beziehung war eine ziemlich kostspielige Angelegenheit für mich, aber bankrott wurde ich erst, als ich ihre verstörte Reaktion über meinen Geburtsort bemerkte, Riga.«

Mir blieb für einen Moment der Atem stehen. Obwohl mir Eliot bereits von seinen frühen Kindheitsjahren in Lettland berichtet hatte, überraschte es mich, dass er dort auch zur Welt gekommen war, noch dazu in Riga, also ganz in der Nähe von Meissmanns Institut, in dem ich geboren wurde. Wieder einmal bewahrheitete sich Oheims Theorie einer kleinen, sehr sehr kleinen Welt. Doch da in meiner Geburtsurkunde nicht meine lettische Geburtsstadt, sondern der letzte Wohnsitz des Ehepaars Fenner, meiner angeblichen Eltern, in Deutschland eingetragen wurde, merkt man mir meine lettische Vergangenheit nicht an, zumal ich meine Zeit in Lettland ausschließlich in dem isolierten Umfeld von Meissmanns Institut und hinter den Zäunen des russischen Kinderheims verbracht habe und weder Lettisch noch Russisch spreche. Ich hoffte, dass ich auf Eliot nicht einen ähnlich verstörten Eindruck machte wie diese Frau. Er kratzte sich jedoch nur kurz am Kinn und setzte seine Erzählung fort: »Ich heuerte daraufhin einen ehemaligen Volksarmisten an, der behauptete, jede Art von Informationen beschaffen zu können, seien es Daten aus kommunistischen Geheimarchiven, planwirtschaftliche Konkursbücher oder Baupläne von Sputniks.« Eliot schaute mich an, als ob er zu viel gesagt hätte, doch ich machte nur eine einladende Geste. Ich würde ihn schon nicht verraten.

»Bei dem dubiosen Geheimniskrämer handelte es ich um einen altgedienten Unteroffizier aus dem Sanitätsdienst der Volksarmee, der aufgrund seiner Stasivergangenheit und Parteimitgliedschaft nicht in die Bundeswehr übernommen werden konnte«, erklärte Eliot: »Ich hatte ihn während einer Sicherheits­überprüfung kennengelernt, als ich ihm zusammen mit einem Kölner Kollegen eine Stippvisite in seiner Wohnung im Leipziger Vorort Stötteritz abstatte. Während der Befragung bot er uns plötzlich an, über den kleinen Dienstweg Informationen aus den ehemaligen Ostblockstaaten zu beschaffen. Wir machten diese Avancen zwar aktenkundig, aber weder Köln noch die Hardthöhe interessierten sich dafür. Man hielt ihn wahrscheinlich für einen Aufschneider. Da selbst Pragen diesem fragwürdigen Angebot keine besondere Bedeutung beimaß, verfolgte auch ich diese Sache nicht weiter. Doch nach Lus Reaktion bezüglich meines Geburtsorts kam ich als Kunde auf das Angebot zurück. Ich bat ihn, für mich herauszufinden, ob es in einer Geburtenklinik im Rigaer Raum eine Patientenakte über Lu gab. Meine anfängliche Neugierde hatte sich zu einer regelrechten Obsession ausgewachsen und ich musste meinen Verdacht entweder widerlegt oder bestätigt wissen.« Er hielt einen Moment inne, aber ich wagte nicht, etwas zu sagen, denn ich wollte ihn nicht kränken.

»Ich weiß, ich weiß, ich bin verrückt«, gab Eliot plötzlich zu, als ob er meine Gedanken gelesen hätte: »Der Kerl verlangte einen dreifachen Monatssold als Honorar. Alles im voraus. Um mir Kornbluths Vorhaltungen zu ersparen, vermied ich es, die Bezahlung über eines meiner Sparbücher vorzunehmen, und belastete stattdessen mein Girokonto mit einem Kredit.« Er hielt wieder inne und ich sagte wieder nichts.

»Ich weiß, ich weiß«, wiederholte Eliot: »Aber mit dem, was danach geschah, hätte ich nicht rechnen können. Oder doch?« Eliot sah mich fragend an, doch ich wusste nicht, wovon er sprach.

»Während ich auf Rückmeldung von meinem Informanten wartete und nebenbei einen Kredit nach dem anderen aufnahm, um Lu glücklich zu machen, betrat eine neue Figur die Arena: Nennen wir sie der Einfachheit halber Person P. P war ein hochrangiger Sanitätsoffizier aus Koblenz und – wie könnte es anders sein – ein ehemaliger Kollege und Vertrauter meines Vaters.«

Bei der Erwähnung des Zentrallazaretts, Professor Meissmanns unangefochtenen Herrschaftsgebiets, horchte ich auf und für den Bruchteil einer Sekunde befürchtete ich sogar, dass er Meissmann meinen könnte. Doch dann hätte er vermutlich den Buchstaben M als Namenskürzel gewählt. Oder stand das P einfach nur für Person? Ich wagte jedoch nicht, meine Gedanken auszusprechen, und Eliot führte die Sache auch nicht weiter aus, sondern nahm seine Mütze vom Kopf und fuhr mit beiden Händen durch seine langen Haarsträhnen. Dann sah er mich an. Eindringlich. Durch seine zurückgestrichenen Haare hatte sein Blick etwas Wahnsinniges. »Wilhelm«, flüsterte er plötzlich: »Was ich Dir als Nächstes sage, musst Du mir glauben! Denn ich kann mich an alles erinnern!«

Ich schüttelte zunächst den Kopf, weil ich nicht verstand, was er meinte. Doch dann nickte ich so nachdrücklich, dass die Löffel in der leeren Suppenschüssel auf meinem Schoß klirrten. Natürlich würde ich ihm glauben. Erst recht, wenn er so innständig darum bat. Tomo war immer der Meinung gewesen, dass man einem anderen Menschen glauben musste, wenn er seine Worte inständig beteuerte. Ich teilte diese Meinung nicht mit der Absolutheit, mit der Tomo sie vertrat, aber ich spürte, dass Eliot mir etwas anvertrauen wollte, das für ihn Wahrheit war. Und was für ihn Wahrheit war, würde mir als Wahrheit genügen.

»Weißt Du, Wilhelm, ich erinnere mich an alles, aber ihr zuliebe–« Er unterbrach sich und setzte erneut an: »Einen Teil der Wahrheit verschweige ich, um sie zu schützen, und den anderen Teil erlaubt man mir nicht auszusprechen. Aber Du, glaubst Du mir?«

Ich nickte erneut. Dieses Mal, ohne dass die Löffel klapperten. Ich stellte die Schüssel zur Seite, holte meine Feldflasche hervor und hielt sie Elli hin. Er nahm ein paar Schlucke und entspannte sich ein wenig. Ich hatte das Gefühl, dass ihm sein Gefühlsausbruch plötzlich peinlich war. Er riss sich jedoch zusammen und erzählte weiter: »P hatte eigens meinetwegen den Komfort seiner rheinischen Festung aufgegeben, um im wilden Osten für Ordnung zu sorgen. Meine Liaison mit Lu und meine Nachforschungen missfielen ihm. Er war eine schillernde Person und sein Auftritt im Leipziger Krankenhaus war gewaltig. Niemand wagte, an seiner absoluten Autorität und Kompetenz zu zweifeln. Entweder sie kuschten vor ihm in Furcht oder sie versuchten, sich bei ihm beliebt zu machen. An dem Tag seiner Ankunft wurde aus meiner Lu endgültig ein Häuflein Elend. Sie schrie nur noch, weinte oder lachte hysterisch. Ich versuchte, sie zu beruhigen, doch sie wollte sich nicht von mir trösten lassen. Stattdessen machte sich über mich lustig, indem sie ihre Zuneigung zu P auf provokante und laszive Weise zur Schau stellte und peinliche Gerüchte über mich in die Welt setzte. Sie machte sich damit natürlich selbst unmöglich. Bald nannte man uns König Ödipus und seine Femme fatale. Der Chefarzt der Klinik versuchte, die Tragödie zu beenden, indem er Lu umgehend von ihrem Dienst als Leiterin der Apotheke freistellte. Ich hatte inzwischen Pragen verständigt und um sofortige Ablösung gebeten, aber er hielt mich dazu an, noch eine Weile auf meinem Posten auszuharren. Ich weiß nicht, wieso er mir das antat. Nach dem Skandal, nach dem Gesichtsverlust, und obwohl sich P alle Mühe gab, meine Stellung zu untergraben. Er warf Pragen Befugnisüberschreitung und die Verfolgung von Eigeninteressen vor und verlangte, dass ich umgehend aus der Kommission entfernt werden müsse und den Leipziger Standort zu verlassen habe. Es sagte, dass Agenten der Münchner Geheimdienststelle nichts in Leipzig verloren hätten, aber da ich während meiner Berufung in die Leipziger Kommission der Kölner Zentrale unterstand, hatte alles seine protokollarische Richtigkeit. Nachdem P jedoch damit drohte, eine offizielle Beschwerde einzulegen, erschien schließlich Pragen persönlich vor Ort und es entbrannte ein Kampf der Giganten, in dem Lu und ich wie winzige Krümel zerrieben wurden.«

Obwohl ich mit Eliot mitfühlte, war ich zugleich ein wenig erleichtert, dass seine Beschreibung von P nicht auf Professor Meissmann passte. Wäre er dieser ominöse Person P gewesen, hätte ich mich irgendwie mitschuldig gefühlt. Ich bin selbst erstaunt, dass es mir offenbar immer noch nicht gelungen ist, mich vollständig von dem Professor zu distanzieren. Wenn ich an den alten Sanitätsoffizier zurückdachte, den ich auf dem Parkplatz am Starnberger See kennenlernen durfte, konnte ich mir ein Bild von diesem P machen.

»Vielleicht wäre alles noch relativ glimpflich ausgegangen, wenn mich nicht kurz vor meiner Abreise nach München eine Nachricht von meinem NVA-Mann erreicht hätte. Er war tatsächlich fündig geworden und bestellte mich nach Stötteritz, um mir den Gegenwert meiner finanziellen und emotionalen Großinvestition auszuhändigen. Ich war überrascht, als er mir nicht nur einen Zettel mit ein paar handschriftlichen Informationen, sondern ein stattliches ein Päckchen mit Originaldokumenten aus Riga in die Hand drückte. Bei der Übergabe fasste er die Ergebnisse seiner Recherchen kurz zusammen und flog dabei mit flinken Fingern durch die lose Blattsammlung des Aktenbündels, um seine Worte mit Quellenmaterial zu untermauern: Namen, Unterschriften, Dienststempel, Datumsangaben. Lu war unter dem falschen, aber wenig originellen Namen Luīze Tērauds in einem Rigaer Krankenhaus niedergekommen. Luīze Tērauds ist Lettisch und ergibt ins Deutsche übersetzt Lus amtlichen Vornamen und Familiennamen. Die Entbindung verlief komplikationsfrei und Mutter und Tochter waren nach der Geburt wohlauf.«

Bei der Erwähnung einer Tochter fiel mir ein Stein vom Herzen. Ich hatte für einen kurzen Moment befürchtet, die Tatsache, dass Eliot im selben Zeitraum in Riga zur Welt gekommen war, in dem seine spätere Femme fatale dort ein Kind zur Welt gebracht hatte, könnte von schwerwiegenderer Bedeutung sein. Ich schaute ihn an. Er hatte nicht unbedingt viel von seiner japanischen Mutter geerbt. Seine Haare und seine Augen waren zwar von einem fast unnatürlich tiefen schwarz, aber er war hochgewachsen und hatte trotz seiner schmalen Augenlider große, mandelförmige Augen. Als Eliot meinen musternden Blick bemerkte, stellte er kurz irritiert die Augenbrauen, bevor er fortfuhr: »Als sich das Neugeborene jedoch im Krankenhaus mit einem Bakterienstamm infizierte, der sich gegenüber der herkömmlichen Behandlung mit Antibiotikum als resistent erwies, und an eine Spezialklinik überwiesen werden musste, erlitt die Mutter einen schweren Nervenzusammenbruch und musste bis zu ihrer Entlassung mithilfe von Psychopharmaka ruhiggestellt werden. Das klang ganz nach der Lu, die ich kannte. Ich fragte natürlich sofort nach, was mit dem Kind passiert war. Aber der Alte rieb nur Daumen und Zeigefinger aneinander und meinte, das sei nicht so einfach. Mehr Geld wollte ich nach dem Debakel jedoch zunächst nicht in diese Sache investieren. Ich nahm die Patientenakte an mich und eilte zur nächsten Telefonzelle, um Lu um ein Treffen zu bitten. Ich hatte das Gefühl, den Schlüssel zu ihrer Rettung gefunden zu haben. Sie wollte mich zwar zunächst nicht sehen, ließ sich dann aber doch zu einem Treffen überreden und bestellte mich in die Lazarettapotheke. Sie sagte, es sei bereits spät und im Krankenhaus kein großer Betrieb zu erwarten. In den Hinterräumen der Apotheke würden wir ungestört plaudern können. Ich bestellte mir sofort ein Taxi und fuhr ins Lazarett.« Eliot sah mich unglücklich an. Es lag auch eine Entschuldigung in seinem Blick und die Bitte, ihm zu glauben. Ich nickte. Ich glaubte ihm und wollte die Geschichte zu Ende hören.

»Als ich die Apotheke betrat, war Lu bereits anwesend. Wir setzten uns in ein kleines Zimmer mit einem Computerterminal, wo ich die Dokumente aus dem Briefumschlag nestelte und die Informationen, die mir der Alte gegeben hatte, vor Lu ausbreitete. Lu hörte zwar zu, zeigte jedoch keinerlei Gefühlsregungen. Weder bestätigte sie, was ich sagte, noch widersprach sie. Sie ließ mich einfach reden. Ich war froh, dass sie sich nicht aufregte, und bot ihr schließlich an, ihr bei der Suche nach ihrer Tochter behilflich zu sein, als sie plötzlich ihre Hand auf meine Schulter legte und sagte: ›Es tut mir leid.‹« Eliot atmete tief durch, bevor er weitersprach: »Als ich aus dem Koma erwachte, konnte ich mich zunächst an nichts erinnern, aber nach nur wenigen Stunden, klarte mein Gedächtnis wieder vollkommen auf. ›Es tut mir leid‹, hatte Luise gesagt. Überrascht von ihrer Berührung und dem Klang ihrer Stimme schaute ich auf und sah im schwarzen Monitor des Computerterminals eine weiße Geistererscheinung hinter mir. Nachdem sich meine Augen jedoch auf das spiegelnde Glas des Monitors eingestellt hatten, erkannte ich P so deutlich, als würde ich einen blank polierten Spiegel sehen. Deswegen sah ich auch, wie er die Hand hob. Anstatt mich jedoch nach ihm umzudrehen und mich zu verteidigen, schaute ich nur Lu an. Ich konnte es nicht fassen. Sie hatte mich verraten. Bevor ich jedoch etwas sagen, fragen oder tun konnte, fühlte ich einen sengend heißen Schmerz hinter meinem linken Ohr, ein Stich, ein Pulsieren, ein Rauschen. Lu schrie, als ich zusammenbrach und mein Kopf dabei drei Mal aufschlug: erst auf der Kante des Schreibtischs, auf dem noch immer die Papiere ausgebreitet lagen, dann auf dem Stuhl, auf dem ich kurz zuvor gesessen hatte, und zuletzt auf dem Boden. Ich wollte etwas sagen, doch ich konnte weder sprechen noch meine Arme oder Beine bewegen. Atmung, Herz- und Lidschlag schienen noch zu funktionieren. Ich lag auf dem Rücken und sah, wie P eine Spritze weglegte. Lu war bestürzt. Sie musste sich selbst den Mund zuhalten, um nicht zu schreien. Mit weit aufgerissenen Augen wich sie ein paar Schritte zurück, bevor sie sich umdrehte, zu einem Regal eilte und mit einem braunen Fläschchen zurückkam. Inzwischen hatte sich P zu mir heruntergebeugt, um mir etwas ins Ohr zu flüstern: ›Hab keine Angst‹, sagte er: ›Dir wird nichts passieren. Aber hier endet Deine Aufsässigkeit.‹ Ich wollte mich wehren, sei es auch nur verbal, aber ich konnte mich nicht rühren. Es reichte noch nicht einmal für einen vorwurfsvollen Blick. Stattdessen beobachtete ich stumm, wie Lu etwas Flüssigkeit aus dem braunen Fläschchen auf ein Taschentuch tropfte und sich neben mir auf den Boden kniete. ›Es tut mir leid‹, sagte sie noch einmal, bevor sie mir mit einer Hand das Tuch aufs Gesicht drückte und mit der anderen meine Augen schloss. Das war ihre Gnade, ihre Reue, ihre Liebe.

»Nachdem meine Erinnerung zurückgekehrt war, verständigte ich sofort Pragen und die Polizei. Doch in meinem Krankenblatts war längst eine andere Version der Geschichte eingetragen worden. Es hieß, ich hätte abends am Computerterminal der Apotheke an meinen Berichten gearbeitet, als aufgrund eines porösen Dichtungsrings bei einer Druckkartusche aus den alten NVA-Beständen ein Narkosegas ausgetreten sei. Nach der Inhalation des toxischen Gases sei ich ohnmächtig geworden und auf dem Boden aufgeschlagen. So habe man mich vorgefunden. Weder Lu noch P wären an jenem Abend im Krankenhaus gewesen. Meine vom angeblich tatsächlichen Hergang des Unfalls abweichenden Fantastereien wurden meinem Trauma zugerechnet. Lus Koblenzer Patientenakte sowie ihr digitaler Fingerabdruck in der Patientenkartei des Zentrallazaretts waren verschwunden. Ebenso die Dokumente aus dem Rigaer Krankenhaus. Die anonymisierten Daten aus dem Schattenkanal waren ohne jegliche Beweiskraft und mein NVA-Informant gab zwar zu, mir eine Dokumentenmappe aus dem Rigaer Krankenhaus beschafft zu haben, behauptete jedoch, deren Inhalt nicht zu kennen. Obwohl es etliche Ungereimtheiten gab, war ich die zermürbenden Verhöre und Anfeindungen satt und sogar fast dazu bereit, wirklich an diesen ganzen Spuk zu glauben, als ich Lu im Polizeipräsidium begegnete, wo wir unsere Aussagen erneut zu Protokoll geben mussten. Sie sah mich nicht an, sondern ging mit gesenktem Kopf an mir vorbei und sagte: ›Es tut mir leid.‹ Da entschied ich mich, die Sache ruhen zu lassen. Um ihretwillen. Ich stehe nun wegen meines Traumas und meines angeblichen Gedächtnisverlusts unter ärztlicher Beobachtung. Was für eine Geschichte, nicht wahr?« Er lachte und nahm ein kleines Foto aus seiner Geldbörse: »Das ist sie«, sagte er und reichte mir das Bild. Ich hatte die Geschichte für abgeschlossen gehalten. Dass er noch immer ein Bild von dieser Person bei sich trug, versetzte mir einen Stich. Ich wollte das Bild nicht sehen. Noch nicht einmal anfassen wollte ich es. Dennoch nahm ich es in die Hand.

»Wie findest Du sie?«, fragte Eliot.

Ich hatte jedoch keine Meinung und schwieg. Auf dem Foto war nur ein blasses Gesicht zu sehen und der Kragen einer hellblauen Bluse. Es sah aus wie ein Passfoto. Nur die Größe stimmte nicht. Ein vertikal und ein horizontal verlaufender Knick teilte das Bild in vier Bereiche. Wie ein Koordinatensystem. Zwischen den Augen verlief ein Berggrat, und das unnatürliche Fotolächeln lag in einer Talfalte. Auf der Rückseite standen Name, Geburtsdatum und Geburtsort: Luise Stahl, 11. März 1944, Berlin.

»Diese Farbkopie des Passfotos aus ihrer Kölner Personalakte, die ich mir damals heimlich angefertigt habe, ist das einzige Bild, das ich von ihr besitze.«

Ich gab ihm das Foto zurück. Er nahm es und betrachtete so eingehend, als sähe er es zum ersten Mal: »Die Augen, die Ohren, das Haar, sie sieht Dir irgendwie ähnlich, findest Du nicht auch?«, fragte er plötzlich. Ich schaute erneut auf das Bild, aber bis auf die großen, abstehenden Ohren konnte ich keine Gemeinsamkeit erkennen. Es war mir unangenehm, dass mich Eliot damit indirekt auf meinen Makel ansprach. Ich schüttelte den Kopf und machte dabei ein so verkniffenes Gesicht, dass ich dem Foto am Ende vermutlich doch ein wenig ähnlich sah, aber nicht wegen der Ohren, sondern wegen der Knicke im Papier.

»Hm«, machte Eliot. Er schien, bei seiner Meinung bleiben zu wollen: »Ich habe schon probiert, das Bild wegzuwerfen, doch als ich meinen Mülleimer nach dem Ausleeren wieder an seinen Platz stellte, lag das Bild noch immer darin. Ich hatte das Gefühl, dass es bei mir bleiben wollte, und nahm es wieder an mich.« Mit einem seltsamen Lächeln steckte er das Bild zurück in seine Geldbörse.

Ich war hin- und hergerissen zwischen Anteilnahme und Eifersucht und beobachtete jede seiner Gesten, bevor ich all meinen Mut zusammennahm und ihm eine Frage stellte, die mich schon die ganze Zeit beschäftigte: »Liebst Du sie noch?«

»Nein«, antwortete er entschieden: »Aber ich habe noch immer ein schlechtes Gewissen, weil ich sie damals so unglücklich gemacht habe.« Ich nickte. Ich hatte auch ein schlechtes Gewissen, weil ich ihm nicht widersprochen hatte, als er sich selbst als verrückt bezeichnet hatte, und weil ich während der gesamten Geschichte nicht ein einziges Mal meine Anteilnahme zum Ausdruck gebracht hatte.

»So«, sagte Eliot: »Jetzt weißt Du, warum man mir davon abrät, mich zu verlieben, und warum auch ich es für das Beste halte.« Danach sagte lange Zeit keiner mehr etwas. Erst als ich hörte, wie sich die anderen zum Aufbruch bereit machten, rappelte ich mich auf. Eliot wollte noch einen Moment sitzen bleiben. Ich nickte und kletterte mit unserer leergegessenen Suppenschüssel zurück zu den anderen. Ich hatte es geschafft, während des gesamten Gesprächs nur einen einzigen Satz zu sprechen. Trotzdem war es ein Dialog gewesen.

Der Rest des Tages verlief ruhig. Falk und ich trennten uns wieder von dem Rest der Truppe, doch ich sprach ihn auch dieses Mal nicht auf die Sache an. In den vier Stunden, in denen wir gemeinsam unterwegs waren, wechselten wir nicht mehr als zehn Silben. Anstatt uns ständig Kletterkommandos zuzurufen, verständigen wir uns oft lediglich über den Zug am Seil oder manchmal auch durch Handzeichen, um uns gegenseitig mitzuteilen, dass wir Stand bezogen haben, mehr Seil brauchen oder bereit sind zum Nachsichern. Auch Falk kann bisweilen schweigsam sein. Es ist jedoch eine isolierte Schweigsamkeit. Jeder schweigt für sich. Bei Elli ist das anders, wir schweigen miteinander.

An diesem Abend waren Falk und ich die Nachzügler. Aus der Hütte stieg bereits Rauch auf, als wir ankamen, und aus dem Winterraum hörte man ein Wirrwarr aus Stimmen. Es wurde gespielt, gesungen, geplattelt und geplaudert. Gunnar hatte Spaghetti gemacht. Ich machte meine Schüssel über den Rand voll und setzte mich damit ein wenig abseits, um mein Material zu putzen und zu polieren. Ich ging dabei so sorgfältig und gemütlich vor, dass ich stundenlang alleine in meiner Ecke beschäftig war. Ich schaute jedoch immer wieder zu Elli hinüber, der sich ab und zu mit Anna unterhielt, die meiste Zeit jedoch schwieg. Später ließ er sich von Annas Freundin aus der Hand lesen und legte mit den anderen Knoten um die Wette – blind, einhändig und auf Zeit. Als sich der gesellige Abend mit wachsender Müdigkeit langsam aufzulösen begann und die ersten bereits satt und erschöpft auf ihren Matratzen lagen, beobachtete ich, wie Elli etwas aus seinem Gelbbeutel hervornestelte und es mit dem Schürhaken zwischen die glühenden Holzscheite im Ofen schob. Er legte noch etwas Brennholz nach und verharrte reglos vor dem Ofen, bis das frisch nachgelegte Holz Feuer gefangen hatte.

Als er sich umdrehte und bemerkte, wie ich ihn beobachtete, setzte er sich zu mir auf die Bank. Ich rückte ein Stück zur Seite und begann meine zum Trocknen ausgelegte Ausrüstung zusammenzupacken.

»Manchmal überschreibt die Gegenwart die Vergangenheit«, sagte ich.

»Ja«, antwortete er und bot mir von seinen Bonbons an.

Obwohl wir es dieses Mal deutlich wärmer hatten und Eliot aufgrund seines hohen Zuckerverzehrs über reichlich Brennmaterial in seinem Blutkreislauf verfügte, baute ich wieder eine Wärmflasche für ihn. Er nahm die mit heißem Tee gefüllte und in Isolierstoff gewickelte Feldflasche dankbar an und fragte, ob mir nicht auch kalt sei. Ich verneinte. Die Art von Wärme, die mir fehlte, ließ sich nicht mit einer Wärmflasche herstellen.

»Was hat Annas Freundin aus Deiner Hand gelesen?«, fragte ich, obwohl es mich eigentlich nicht interessierte, und setzte mich, solange die anderen noch mit Bettenbauen und Platzstreitigkeiten beschäftigt waren, auf Eliots Bettkante.

»Nichts, was ich nicht schon längst gewusst hätte.« Er betrachtete nachdenklich die Linien auf seinen Handflächen: »Die Pfade meiner Seele sind dunkel. So dunkel wie meine Träume«, murmelte er.

»Dunkle Träume?«, fragte ich: »Du meinst Alpträume?«

»Nein, es sind keine Alpträume. In meinen Träumen ist es einfach immer dunkel«, erwiderte er. Seine Stimme war fast zu einem Flüstern geworden: »Und eigentlich ist es immer derselbe dunkle Traum.«

»Ich mag die Dunkelheit«, sagte ich nun ebenfalls gedämpft.

»Ich auch, aber diese nicht. Sie ist überall. Sie raubt mir nicht nur die Sicht, sondern bietet schrecklichen Gestalten Unterschlupf, die dort umherkriechen und nach mir greifen. Ich irre durch einen zähen Nebel – vollkommen blind – und suche nach jemandem. Ich weiß allerdings nicht, wen, nur dass mein Leben davon abhängt, diese Person zu finden. Ich rufe, gebe aber keinen Laut von mir – ich bin stumm. Mich umgibt ein Gefühl von abgrundtiefer Traurigkeit. Das Gefühl, dass man hat, wenn man die erste Nacht in einer fremden Welt verbringt, und das Gefühl, das man hat, wenn man diese Welt, nachdem sie einem zur Heimat geworden ist, plötzlich wieder verlassen muss.«

Ich atmete tief ein und schaute ihn einfach nur an. Es war einer jener idiotischen Momente. Ich hätte mit ihm mitfühlen sollen, aber stattdessen fühlte ich mich einfach nur gut und genoss unsere Zweisamkeit inmitten des Trubels um uns herum.

»Mein Therapeut sagt«, fuhr Eliot immer noch flüsternd fort, »der Traum entspränge einem inneren Zwiespalt: Der Wunsch, allein zu sein, auf der einen Seite und die Angst, verlassen zu werden, auf der anderen. Er hat mir eine spezielle Traumtherapie vorgeschlagen, um dieser Sache auf den Grund zu gehen. Ich spiele mit dem Gedanken, zuzustimmen. Was meinst Du dazu?«

»Müssen Träume immer was bedeuten?«, fragte ich: »Ich glaube, meine Träume sind nichts weiter als ein zusammenhangloses Gehirnstottern, während mein Körper und mein Bewusstsein eine kurze Ruhepause einlegen. Fantasie, Realität und Erinnerungen, alles wild durcheinandergemischt.«

»Das mag für die meisten Träume gelten«, hakte Eliot ein: »Aber mein dunkler Traum ist anders. Denn er ist real, keine Fantasie und keine Erinnerung.« Er nahm meine Hand: »Fühlst Du, wie mein Herz rast?«, fragte er: »Allein beim Gedanken daran!« Ich versuchte, mich auf das sanfte, aber schnelle Pulsieren zu konzentrieren, das durch die dicken Wollmaschen seines Pullovers hindurch gegen meine Finger klopfte. Auch sein Atem ging schnell. Ich spürte ihn auf meinem Handrücken.

»Als Kind war ich ein Traumwandler. ›Oyasumi, tsukiyomi ni mamotte morau‹, sagte meine Großmutter immer, wenn sie mich ins Bett brachte: ›Ruh Dich aus, der Gott der Träume wacht über Dich.‹ Einmal unternahmen wir sogar eine weite Reise mit der Fähre und der Bahn, um einen Schrein des Traumgottes zu besuchen, wo wir beteten und Kuchen aßen.«

»Hat es geholfen?«

»Das Beten? Ich weiß nicht. Aber der Kuchen auf jeden Fall. Meine Großmutter ließ jedenfalls nichts unversucht. Da sie befürchtete, dass der Kobold, der für meine Traumwandelei verantwortlich war, mir am Ende meine Seele stehlen würde, holte sie sogar Priester und Dämonenjäger zuhilfe.«

»Und konnten die mehr für Dich tun als Beten und Kuchenessen?«, fragte ich und zog meine Hand zurück.

»Sie versuchten es zumindest, indem sie die bösen Geister mit Glücksamuletten und Schutzzaubern bannten. Aber das mit der Traumwandelei ist lange her. Jetzt träume ich nur noch diesen einen Traum. Den dunklen.«

Es war inzwischen sehr ruhig in dem Schlafraum geworden. Hier und da wurde noch geflüstert, bis Gunnar mit einem lauten ›Zapfenstreich‹ und die Gaslampe abdrehte. Sofort flammten einige Taschenlampen auf, die jedoch nach einem kurzen Gezappel ebenfalls erloschen. Es wurde mucksmäuschenstill auf dem Bettenboden.

»Oyasumi, tsukiyomi ni mamotte morau«, raunte ich in Eliots Richtung, bevor ich nach unten schlich und mich vor das sterbende Feuer im Ofen setzte. Ich warf noch ein letztes Holzscheit in die Flammen für ein wenig Gesellschaft und schlief auf der harten Holzbank ein.

Ich wachte erst wieder auf, als am frühen Morgen so gegen vier Uhr der Erste austreten musste. Es war Eliot. Ich stellte mich schlafend, als er auf dem Weg zurück nach oben mein ungemütliches Nachtlager entdeckte und einen Moment davor verharrte, bevor er schließlich meinen Schlafsack holte und ihn wie eine Decke über mir ausbreitete. Danach schlich er zurück in seine Koje. Einer nach dem anderen stand nun auf, erleichterte sich und legte sich wieder hin. So wurde es langsam Tag.

Kurz vor sieben war allgemeines Wecken, als Gunnar mit einem Löffel auf sein Aluminiumgeschirr schlug und damit alle aus dem Schlaf trommelte. Sofort begann in der Hütte ein geschäftiges Treiben. Wie die Bienen machten sich alle daran, Marschbereitschaft herzustellen. Eliot säuberte den Ofen und entleerte die Aschelade und den Wassergrand in die Latrine, während ich die Rucksäcke und Kraxen vom Bettenboden holte und nach draußen schleppte. Auch die anderen putzten, spülten und räumten auf oder bereiteten das Vesper für die bevorstehende Etappe vor. Nur wenige faulenzten herum.

Das war im Prinzip auch schon der ganze Dreikönigsmarsch. Ich seilte mich wieder mit Falk vom Rest der Truppe ab, sprach ihn jedoch wieder nicht auf die Sache an. Ich brachte es einfach nicht übers Herz, ihm seinen Ausflug zu verderben.

Wir trafen Eliot und die anderen zur Mittagszeit auf dem verabredeten Gipfel wieder. Es wurde gegessen, fotografiert und herumgealbert. Ich fand diese Mal allerdings keine Gelegenheit, mit Eliot längere Zeit allein zu sein. Wir hielten uns jedoch insgesamt nicht lange auf. Allen war klar, dass die Tour vorbei war und dass es nun nach Hause ging. Die meisten mussten am nächsten Tag arbeiten und waren in Gedanken schon wieder drunten im Tal bei ihren Sorgen und Verbindlichkeiten.

Auf dem letzten Stück des Weges scherten Falk und ich erneut aus dem Pulk aus, indem wir, anstatt mit den anderen in endlosem Zickzack nach unten zu wandern, unsere Skier anschnallten, um über die verschneiten Hänge nach unten zu rutschen.

Falk und ich boten den anderen an, alle überschüssigen Gerätschaften mit nach unten zu nehmen. Wenn man noch so an die dreißigtausend Schritte zu gehen hat, zählt jedes unnütze Gramm. Falk und ich hingegen mussten uns mit unseren vollgepackten Rucksäcken einfach dem Sog der Schwerkraft entgegenwerfen. Wir übernahmen von den anderen den Abfall, Gaskartuschen, Kochgeschirr und Seile. Eliot äugte skeptisch über die Bergkante und fragte, ob das nicht unser Tod sei, wenn wir uns dort hinabstürzten.

»Es wäre unser sicherer Tod, wenn wir es nicht täten«, belehrte ihn Falk.

Eliot drehte sich nach Anna um und suchte ihre Zustimmung, doch sie zuckte nur mit den Schultern und meinte, bei Falk seien Hopfen und Malz verloren.

»Es lebe der Teufel und der Hopfen und das Malz«, schrie Falk und stürzte sich in die Tiefe. Anna schüttelte nur den Kopf und lachte. Vermutlich wusste sie, dass, wer mit einem Hornschlitten Autos überholte, keine Probleme hatte, auf Skiern einen verschneiten Hang hinabzukommen. Ich schaute Elli an. Ich hätte ihm gerne erklärt, welche Genugtuung es war, über den Schnee, der einem das Hinaufkommen zur Qual gemacht hat, mit Leichtigkeit wieder zurück ins Tal zu kommen. Es war, als würde sich der Schnee entschuldigen und zur Versöhnung für einen schnellen Heimweg sorgen. Ich sagte jedoch nichts, sondern nickte ihm nur schweigend zu, zog meine Mütze tief über die Ohren und stürzte mich hinter Falk in die Schlucht.

Auf diesen Steilabfahrten hängen wir selbst Gunnar und André ab. Anna hätte uns folgen können, denn in Sachen Skifahren ist sie uns allen voraus, aber ihr Verantwortungsgefühl hielt sie bei der Truppe. André macht sich nichts aus solchen kleinen Abenteuern. Er sieht darin nur ein unnötiges Risiko, aber Gunnar hasst uns dafür. Sein Stolz …

… wiedergefunden zu haben, und ich schreibe diese Zeilen für Dich. Damit Du mir vergibst und damit Du weisst, dass ich …

~ Wilhelm Fenner

Montag, 6. Jan.. 1992
Bezugsdatum
Samstag, 4. Jan.. 1992
Kapitel
9
Dateinummer
902